Paula Luttringer, Entrevero I-II, 2015, © Paula Luttringer



EXTREME. ENVIRONMENTS, Fotografie Forum Frankfurt, 24.05.-09.09.2018

Paula Luttringer 

RAY: Kannst du uns etwas über deine Arbeit Entrevero erzählen? Welche Art von Katastrophe fängst du darin ein und in welchem Verhältnis steht sie zur fotografischen Technik? 

Paula Luttringer: Während der Diktatur der 1970er Jahre wurde die Infrastruktur Argentiniens vernachlässigt, so dass 1985, nach einer Regenzeit, ein Damm in einem Salzsee durchbrach und eine Kurstadt namens Villa Epecuen überschwemmt wurde. Innerhalb weniger Tage verschwand die ganze Stadt unter zehn Metern Salzwasser. Villa Epecuen blieb über zwanzig Jahre unter der Oberfläche des Salzsees, bis im Jahr 2009 wechselnde Wetterverhältnisse zu einer Dürre führten und die Überreste der Stadt mit all ihren Bäumen auftauchten, die wie Knochen in der Sonne glitzerten, trockneten und bleichten.

"Entrevero ist eine gespenstische Landschaft aus gebrochenen Stämmen und ausgegrabenen Wurzeln, die textural übereinander gelagert sind, wie auch Erinnerungen die mehrlagig sind.

Die Katastrophe in Villa Epecuen ereignete sich nicht nur in der physischen Welt, sondern auch in den Köpfen aller Menschen, die alles verloren haben. Entrevero ist eine gespenstische Landschaft aus gebrochenen Stämmen und ausgegrabenen Wurzeln, die textural übereinander gelagert sind, wie auch Erinnerungen die mehrlagig sind.

Paula Luttringer, Entrevero III-I, 2015, © Paula Luttringer

Paula Luttringer, Entrevero II-II, 2015, © Paula Luttringer

RAY: Für deine Serie Entrevero hast du verschiedene Fotografien geschichtet - was interessiert dich daran, die Realität zu verändern? Was wird im Gegensatz zu reiner Dokumentation mehr hervorgehoben?  

PL: Eigentlich kommt es darauf an, wie man die Realität sieht. Ich denke dabei nicht daran, die Realität zu verändern, ich sehe die Dinge in Schichten.  

RAY: Warum hast du dich für ein Schwarz-Weiß-Format entschieden? 

PL: Ich benutze seit zwanzig Jahren dieselbe analoge Kamera und denselben Film, und ich habe nicht das Bedürfnis, dies zu ändern.

RAY: In deiner Serie El Matadero von 1995 hast du ein Schlachthaus in Argentinien dokumentiert. Wie verbindest du dieses Thema mit der Politik im Allgemeinen?

PL: Ich verbinde das Thema Schlachthof nicht mit der Politik im Allgemeinen. Ich verbinde es mit der Geschichte meines Lebens und dem Leben vieler in meiner Generation in Argentinien. Bilder von Körpern, die gequält und verletzt wurden, waren Fragmente meines eigenen Gedächtnisses und der kollektiven Erinnerung vieler junger Menschen meiner Generation, die entführt und verschwunden waren. Diese metaphorischen Bilder waren für mich ein erster Schritt zur Rückeroberung meiner eigenen Geschichte und Wahrheit. 

"Ich gehe nicht in die Natur, um sie zu dokumentieren, sondern um ein Teil davon zu sein."


RAY: Warum hältst du die Dokumentation von Umgebungen durch Fotografie für wichtig?

PL: Ich gehe nicht in die Natur, um sie zu dokumentieren, sondern um ein Teil davon zu sein. Die Bilder, die entstehen, wenn ich in der Wildnis bin, sind ein Spiegelbild dessen, was in mir ist.

RAY: Betrachtest du die Dokumentarfotografie als politisches Mittel? 

PL: Gibt es etwas im Leben, das nicht politisch ist?

RAY: Was bedeutet extrem für dich? Wie beziehst du dich auf das Thema EXTREME mit deiner eigenen künstlerischen Praxis?

PL: Ich denke, dass die Praxis einer jeden Künstlerin und eines jeden Künstlers extrem ist, wenn er sich auf das bezieht, was in ihm selbst ist und er seiner Praxis treu bleibt.

RAY: Das kuratorische Team von RAY 2018 sagt, dass das „Extreme untrennbar mit der Fotografie verwoben ist“. Stimmst du dem zu?

PL: Ja. Oftmals stehen Fotografen leibhaftig am Ort des Geschehens. Fotografie ist eine Kunst, die im Mittelpunkt steht, im Moment ist, und das ist extrem.

RAY: Siehst du Grenzen (politisch, ästhetisch, moralisch, ethisch etc.) in der Darstellung des "Extremen" in deiner eigenen Praxis?

PL: Ich mag keine Grenzen. Ich erkenne Grenzen, wenn ich ihnen begegne. Egal ob eine Grenze innerlich oder äußerlich ist, ich frage immer, warum sie da ist. Eine Grenze erfordert eine Infragestellung.


Paula Luttringer, Entrevero IV-I, 2015, © Paula Luttringer