Krista Caballero und Frank Ekeberg, Installationsansicht aus der Serie Birding the Future, Queensland Australia Series, 2013, © Krista Caballero and Frank Ekeberg


EXTREME. ENVIRONMENTS, Fotografie Forum Frankfurt, 24.05.-09.09.2018


Krista Caballero & Frank Ekeberg


RAY: Was bedeutet „extrem“ für euch?

Krista Caballero & Frank Ekeberg: Wir leben in extremen Zeiten, in denen alles an seine Grenzen stößt. Das gilt sicherlich auch für unseren ökologischen Zustand. Es ist extrem, dass wir jetzt die 6. Ausrottung erleben. Es ist extrem, dass jede achte Vogelart weltweit vom Aussterben bedroht ist. Und es ist extrem, dass Plastikmüll in 90% der Seevögel gefunden wird. Es ist unsere Hoffnung, dass die Menschen in extremer Weise handeln können, um diesen Kurs zu ändern.

"Die Fotografie war schon immer mit dem technologischen Fortschritt verbunden, der von Natur aus einen extremen, unersättlichen Appetit auf neue Interpretationen unserer Welt durch Bilder widerspiegelt."

RAY: Das kuratorische Team von RAY 2018 sagt, dass das „Extreme untrennbar mit der Fotografie verwoben ist“. Stimmt ihr dem zu?

KC & FE: Ja. Die Fotografie war schon immer mit dem technologischen Fortschritt verbunden, der von Natur aus einen extremen, unersättlichen Appetit auf neue Interpretationen unserer Welt durch Bilder widerspiegelt.

RAY: Ihr habt 2013 in Queensland mit Birding the Future begonnen und arbeitet noch heute daran. Wie seid ihr auf dieses Thema gestoßen und warum verfolgt ihr diesen Schwerpunkt immer noch?

KC & FE: Als wir uns kennenlernten, hatten wir beide bereits jahrelang Fragestellungen in Bezug auf das Überleben und Umweltveränderung (Krista) sowie Umweltverschmutzung und den Schutz von Lebensräumen (Frank) verfolgt. Es wurde also schnell klar, dass sich unsere Interessen überschneiden. Vögel sind nicht nur Bioindikatoren, sondern auch „Botschafter“ von Kulturen, Ländern, Ökologien und verschiedenen Zeiträumen. Wir beide haben uns durch diese Beschäftigung in Vögel verliebt und haben entdeckt, dass es ein lebenslanges Projekt ist, um die Geschichten, die Wissenschaft und die kulturellen Zusammenhänge der Vögel zu erforschen.

Krista Caballero und Frank Ekeberg, Installation Documentation, Queensland Australia Series, 2013, aus der Serie Birding the Future, © Krista Caballero and Frank Ekeberg


Krista Caballero und Frank Ekeberg, Installation Documentation, custom-built solar speakers, Mid-Atlantic USA Series, 2016, aus der Serie Birding the Future, © Krista Caballero and Frank Ekeberg

"Birding the Future ist immer auf der Suche nach alternativen Wegen der Begegnung mit Kunst, bei der der Betrachter nicht mehr nur Zuschauer ist, sondern tief in die Auseinandersetzung mit diesen kritischen Themen eingebunden wird."

RAY: Eure Installation ist partizipativ, da der Besucher die Karten aufnehmen und quasi in 3D erleben kann. Warum ist der partizipative Aspekt in eurer Arbeit so wichtig und warum habt ihr euch für das Medium der stereoskopischen Fotografie entschieden? Auf welche andere Weise bindet ihr die Besucher in Ihre Arbeit ein?

KC & FE: Birding the Future ist immer auf der Suche nach alternativen Wegen der Begegnung mit Kunst, bei der der Betrachter nicht mehr nur Zuschauer ist, sondern tief in die Auseinandersetzung mit diesen kritischen Themen eingebunden wird. Das Stereoskop wurde als Betrachtungsinstrument gewählt, weil es das Wahrnehmungsbewusstsein steigert und eine historische Verbindung zum menschlichen Einfluss auf die Umwelt herstellt. Viele Umweltprobleme begannen sich etwa zur gleichen Zeit wie die Entwicklung dieser Technologie zu beschleunigen. Wir verwenden auch Mehrkanalton, der aus Rufen von gefährdeten Vögeln besteht, die speziell für eine Region extrahiert werden, um Morsezeichen zu erzeugen, die auf Geschichten und Poesie basieren, in denen Vögel zu Menschen sprechen. Diese werden mit unveränderten Rufen von ausgestorbenen Vögeln kombiniert, die die Besucher an die Vergangenheit erinnern und eine Zukunft mit weniger Artenvielfalt vor Augen führen. Während der Dauer der Ausstellung werden die Vogelstimmen in Echtzeit computergesteuert, um die Aussterberate für das Ende des Jahrhunderts zu projizieren, indem die Dichte und Vielfalt der Vogelstimmen verringert wird.

RAY: Eure Installationen setzen viele verschiedene Medien ein. Ton und Video bieten ein dreidimensionales Erlebnis für die Besucher. Wie wählt ihr das Motiv für die stereoskopischen Bilder aus?

KC & FE: Die Themen werden nach den Vögeln und Themen einer bestimmten Region ausgewählt. Anstatt stereoskopische Bilder zu schaffen, die die Fotografie der Zeit nachahmen, sind die Bilder hoch kompositioniert, stilisiert und enthalten sowohl reale als auch imaginäre Räume. Die Themen beziehen sich auch direkt auf den auf der Rückseite der Karten integrierten Text.

RAY: Was ist das Wichtigste, was ihr über die Vogelpopulation in städtischen Gebieten und über die Zukunft der Vogelbeobachtung im Allgemeinen gelernt habt?

KC & FE: Es gibt so viele Probleme im Zusammenhang mit Vögeln in städtischen Räumen: zum Beispiel Lichtverschmutzung, die Kollisionen verursacht, Frequenzverschiebungen im Vogelgesang als Reaktion auf den Lärmpegel, Veränderungen im Stressniveau, Veränderungen im Futterverhalten und Veränderungen der Brutzyklen.

Viele Wissenschaftler sagen heute voraus, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts fast ein Drittel aller Vogelarten verschwunden sein werden. Vögel in der Zukunft werden dann eine Art „Aussterben der Erfahrung“ bedeuten, wie es Robert Michael Pyle vorausgesagt hat. Zukünftige Generationen werden insgesamt weniger Arten kennen und erleben. Vögel werden sich dann in hohem Maße in städtischen Gebieten aufhalten und es werden nur Arten vorhanden sein, die sich gut an die menschliche Umwelt anpassen können.

Krista Caballero und Frank Ekeberg, Window to the Sea, Norway Series, 2016, aus der Serie Birding the Future, © Krista Caballero and Frank Ekeberg

Krista Caballero und Frank Ekeberg, Production and Performance, Lab Series, 2017, aus der Serie Birding the Future, © Krista Caballero and Frank Ekeberg

Krista Caballero und Frank Ekeberg, Dreaming of Feathers, Queensland Australia Series, 2013, aus der Serie Birding the Future, © Krista Caballero and Frank Ekeberg

RAY: Was ist das Interessanteste, was ihr in Frankfurt über Vögel gelernt habt?

KC & FE: Wir sind immer wieder erstaunt, wie Vögel Menschen zusammenbringen. Überall trafen wir Menschen, die Vögel lieben und Vögel beobachten. So trafen wir beispielsweise eines Tages am Main auf einen einheimischen Vogel, der Merkmale einer Bargans vorwies, die normalerweise nur in Asien vorkommen und in dieser Region selten sind. Die Stabgans ist der höchstfliegende Vogel der Welt und zieht zweimal im Jahr über den Himalaya. Es war auch sehr interessant, mehr über Organisationen zu erfahren, die sich dem Schutz städtischer Vögel widmen, wie z.B. Projekt Oase oder der Stadttauben e.V..

RAY: Was ist euer Lieblingsvogel im Rhein-Main-Gebiet bisher?

KC & FE: Statt hier eine bestimmte Art zu nennen, würden wir sagen, dass es einen bestimmten Vogel gab, den wir in der Nähe der Vogeltreppe an der Alten Brücke getroffen haben. Eine Graugans wurde 2017 von einem Fahrrad getroffen und das Projekt Oase half dem Vogel wieder auf die Beine zu kommen. Obwohl die Beinverletzung so schwer war, dass die Gans heute noch Schwierigkeiten beim Gehen hat, scheint der Vogel nun glücklich auf der Maininsel am Portikus zu leben.

RAY: Welche Orte habt ihr in Frankfurt/RheinMain besucht, um eure Installation im Fotografie Forum Frankfurt vorzubereiten?

KC & FE: Der Zusammenfluss von Rhein und Main bei Mainz, der Alte Flugplatz Bonames, Schwanheimer Düne (eine der wenigen Binnendünen Europas), das Naturmuseum Senckenberg sowie viele Orte im Grüngürtel rund um Frankfurt am Main.

RAY: Was ist die extremste Erfahrung, die ihr je gemacht habt?

KC & FE: Es ist so gut wie unmöglich hierbei nur an eine Erfahrung zu denken. Aber eine Erinnerung, die wir gemeinsam teilen, war die Wanderung auf den Lovund-Berg in Nordnorwegen (dem äußersten Norden!) und die Begegnung mit Zehntausenden von Papageientauchern und das Hin- und Herfliegen zum Meer. Die Klanglandschaft und die visuelle Vogellandschaft waren etwas, was wir nie zuvor erlebt hatten. Es war auf die bestmögliche Weise extrem.

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